Als die Trauer ins Koma fiel - Teil 1

Text und ©Babsi König

Wir wissen, was Trauer ist. Zumindest glauben wir das.

Wir trauern um verpasste Gelegenheiten, die letzte Bluse beim Ausverkauf mit der falschen Größe, das alte Paar Turnschuhe welches wir entsorgen müssen, den verwelkten Blumenstrauß, um die versalzene Suppe, den verbrannten Braten, um zerbrochene Teller.

Wir trauern um nicht gesagte Worte, verpatzte Liebesgeständnisse, oder auch darum, belogen worden zu sein.

Wir trauern um den verpassten Sonnenauf- oder Sonnenuntergang, den vergangenen Tag, die schönen Stunden, das Ende eines Liedes, darum dass wir ein Telefonat beenden müssen, dass das Buch nicht mehr Seiten hat, dass die Serie nicht mehr Staffeln hat, dass zu wenig Pizza da war um für Alle zu reichen.

Wir trauern um Kleidung die nicht mehr passt, darum, dass uns der Zug vor der Nase weggefahren ist, dass es regnet, dass es nicht regnet, dass es nicht mehr Sommer ist, dass der Hamster Schnupfen hat.

Wir sind traurig, weil die beste Freundin keine Zeit hat, der Freund kurzfristig abgesagt hat, dass das Konzert ausverkauft ist, die Fußballmanschaft verloren hat, der Gutschein abgelaufen war.

Wir trauern um die alte Couch die ausgedient hat, um den Teppich den wir ersetzen müssen, die Jeans die ein Loch hat, die Lieblingsdecke die zerissen ist, darum, dass die Vase zerbrochen ist.

Wir betrauern den Ausstieg irgendeines Superstars aus einer Serie, dass ein Mädchen in der Show kein Foto bekam, dass der Held doch nur ein Mensch ist, oder eine bekannte Persönlichkeit stirbt.

 

Freilich, für all Dieses könnte man auch andere Gefühle benennen. Wut, Entsetzen, Verzweiflung, Enttäuschung, etc. Tun wir meist nicht. Wir sind traurig. 

Aber nicht nur deshalb:

Wir trauern wenn ein Haustier stirbt, ein Nachbar, jemand den wir von Früher kannten, wenn wir ausziehen, eine Freundin wegzieht, oder das Kind von zu Hause auszieht, wenn die Oma ins Altersheim muss, wenn wir oder jemand aus unserem Umfeld eine schwere Krankheit diagnostiziert bekommt.

 

Wir trauern selbstverständlich um unsere Eltern, Kinder, Freunde und unsere Familie, wenn sie sterben.

Doch seien wir uns ehrlich und diese Erfahrung musste wohl leider jeder schon auf die ein oder andere Art machen: Selbstverständlich ist leider gar nichts.

 

Wenn wir unsere Liebsten und absolut engsten Lebensmenschen verlieren, dürfen wir nicht trauern. 

Also nicht richtig, nur so ein bisschen. Gerade so viel wie es die Gesellschaft (also wir alle), uns erlaubt, und aushält.

Wir müssen funktionieren, um andere Menschen mit der Trauer nicht zu belästigen. Dafür sorgen, dass sie wegen unserer Trauer nicht traurig sind. Dass es ihnen keine unangenehmen Gefühle bereitet, mit uns konfrontiert zu sein.

Wir müssen einen Schein waren und das klappt nun mal nicht, wenn wir Trauer zulassen. 

 

Je mehr Tage oder Wochen vergehen, desto öfter hört man, dass das Leben weitergeht. Fragen danach, weshalb man noch immer trauert, lieb gemeinte Worte, dass es besser wird, dass es jetzt langsam reicht, dass man nach vorne blicken soll und noch Vieles mehr davon.

Das macht Druck und deshalb beginnt man, die Trauer so weit wie irgend möglich in die letzte Ecke seines Seins zu verdrängen. Damit Sie still ist, Ihr Klappe hält, keine weiteren Weinkrämpfe verursacht.

Die Trauer verzweifelt dabei, versucht sich den Raum zu verschaffen den Sie braucht um uns zu helfen. Wir ringen mit Ihr, kämpfen darum Sie nicht mehr zuzulassen, um uns zusammenreißen zu können und am Ende gewinnen wir dann nach immenser Anstrengung. Vermeintlich.

Die Trauer fällt ins Koma. Endlich.

 

Der Alltag kann weitergehen. Wir atmen durch, richten uns auf und putzen den Staub ab. Wir reißen uns zusammen, kaschieren die verweinten Augen und treten der Welt entgegen. Wir tun was von uns verlangt wird, wischen uns die letzte Träne aus den Augenwinkeln und lächeln.

In diesem Zustand dürfen wir dann auch wieder Lokale betreten, am Arbeitsplatz erscheinen oder einfach nur einkaufen gehen. Ja, so will man uns sehen. Ja, so kann man uns die wir unsere Liebsten verloren haben, wieder aushalten. Ja, siehst du, endlich geht das Leben wieder weiter.

 

Verstorbene beerdigen, angemessen beweinen, aufrichten, weiterleben.

BK, 13.10.2018